Was ist «Regenerative Leadership»?

Regenerative Leadership ist eine Führungsphilosophie, die die Wiederherstellung, Erneuerung und die Belebung von Ressourcen und Systemen anstrebt. Sie orientiert sich an Erkenntnissen der Komplexitäts- und der Systemtheorie. Auch Muster und Prozesse in der Natur (z. B. Zyklen, Wellen, Evolution) spielen eine wichtige Rolle.

Im traditionellen Führungsverständnis geht es um die möglichst effiziente Ausbeutung von knappen Ressourcen. Meist stehen schnelle Lösungen, kurzfristige Gewinne und Konkurrenzdenken im Vordergrund. Langfristige Auswirkungen oder die Folgen des eigenen Handelns auf die Umwelt (zu der wir auch uns Menschen zählen), spielen hier kaum eine Rolle.

Das änderte sich mit Überlegungen zur Nachhaltigkeit. Hier versucht man, die Schäden des eigenen Handelns zu minimieren oder zu eliminieren. Regenerative Führung geht darüber hinaus. Sie versucht, Ressourcen, die verloren sind oder verbraucht werden, wieder aufzubauen und zu erneuern. Es ist ein grundlegendes Umdenken, in der Art, wie wir Organisationen führen.

Wachstum ist nicht per se schlecht. Es kommt immer darauf an, was wächst, wie es wächst und wem es nützt. Wenn Weizenfelder oder Betreuungsangebote für Kinder wachsen, profitieren meist viele Menschen davon.

Warum «Regenerative Leadership» wichtig ist

Letztlich ist Regenerative Führung die Antwort auf die Herausforderungen und Krisen unserer Zeit. Sie machen sichtbar, dass es nicht genügt, weitere Schäden zu vermeiden oder zu reduzieren. Wir müssen die Grundlagen für eine lebenswerte Zukunft schaffen und erneuern.

Das ist durch einzelne nicht zu schaffen. Es braucht ein grundsätzliches Umdenken und ein beherztes Handeln in verschiedene Bereichen. Weil unsere Welt sehr stark durch Organisationen beeinflusst wird, sind sie (und damit ihre Führung) ein wichtiger Teil dieser Transformation. So gesehen sind Regenerative Führung und regenerative Ansätze keine Option sondern eine Notwendigkeit.

Was sind die Grundprinzipien von «Regenerative Leadership»?

  1. Förderung von Resilienz: Regenerative Führung fokussiert auf Strategien, die die Resilienz von Menschen, Teams und Organisationen fördern. Damit ist nicht Widerstandskraft gegen Veränderung oder gegen Krisen gemeint («Der Fels in der Brandung»). Hier geht es um die Fähigkeit, die eigenen inneren Zustände wahrzunehmen und situationsgerecht an die Herausforderungen anzupassen und so Handlungsspielräume zu schaffen.
  2. Prozesshaft: Menschen, Teams und Organisationen sind keine Gegenstände mit festen Eigenschaften. Es sind Prozesse, also Abfolgen von Ereignissen. Stabilität oder Zustände entstehen durch Wiederholung und sind von begrenzter Dauer. Veränderung entsteht, in dem man etwas nicht mehr wiederholt.
  3. Systemisch vernetzt: Organisationen sind keine Maschinen, sondern komplexe Systeme, die auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt vernetzt sind. Die Umwelt bildet die Lebensgrundlage. Kleine Veränderungen können in diesem Geflecht weitereichende und ungeahnte Folgen haben. Regenerative Führung berücksichtigt diese Ko-Evolution in Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen.
  4. Verantwortung und Fürsorge: Regenerative Führung stellt nicht den Nutzen für einzelne oder wenige in den Vordergrund. Hier geht es um die Frage, was sollte wachsen, damit möglichst viele davon profitieren? Was alle angeht, kann man nur gemeinsam lösen. Man trägt nicht nur für den eigenen Garten Verantwortung, sondern kümmert sich um die Lebensgrundlagen aller.
  5. Poly-Perspektivisch: Eindeutig, wahr und gut sind keine brauchbaren Dimensionen in der Arbeit mit Systemen. Es gibt verschiedene Perspektiven und damit unterschiedliche Erklärungen und Bewertungen von ein und demselben. Die Frage ist also, was ist für wen aus welcher Perspektive funktional oder sinnvoll und was nicht? «Wahrheit» und Sinn entstehen im Diskurs.

Was alle angeht, kann man nur gemeinsam lösen.

Praktiken für «Regenerative Leadership»

  1. Systemdenken: Es ist wichtig, Organisation nicht isoliert, sondern integriert in die Umwelt zu denken. Konkret bedeutet es, die gegenseitige Abhängigkeiten zu verstehen und Kooperationen zu suchen. Dieses Denken in Zirkularitäten, der Umgang mit Mehrdeutigkeit, Widersprüchen und Paradoxien kann man üben und trainieren.
  2. Spielerisch-ausprobierend: Lösungen sind immer Lösungen auf Zeit. Die Probleme von heute, waren mal Lösungen für Probleme, die weiter zurückliegen. Man kann jede Entscheidung als Experiment betrachten. Ausgang ungewiss. Die Qualität von Entscheidungen lässt sich damit auch daran messen, was man durch das Experiment über sich und seine Organisation lernt.
  3. Partizipation: Partizipation bedeutet nicht, dass alles mit allen besprochen werden muss. Das wäre ermüdend und frustrierend. Allerdings zeigen Erfahrung und Forschung, dass Entscheidungen besser getroffen, umgesetzt und getragen werden, wenn verschiedene Perspektiven im Prozess berücksichtigt wurden. Wie man das ganz konkret angehen kann, zeigen wir z. B. im Training zu Art of Participatory Leadership.

Gute Fragen zu «Regenerative Leadership»

Was ist der Unterschied zwischen «Sustainable Leadership» und «Regenerative Leadership»?

Der entscheidende Unterschied liegt in der Ambition:

  1. Sustainable Leadership: Der Fokus ist Erhaltung. Es geht darum sicherzustellen, dass das Unternehmen oder das System langfristig überleben kann, indem es seine negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt minimiert (z. B. «Netto-Null-Emissionen»). Kurz gesagt geht es darum, weniger Schaden anzurichten («Do Less Harm»).
  2. Regenerative Leadership: Der Fokus ist Erneuerung. Hier wird anerkannt, dass die aktuellen Systeme bereits degradiert sind. Es reicht nicht aus, nur den gegenwärtigen Zustand zu erhalten. Regenerative Führung zielt darauf ab, aktiv zu heilen, wiederherzustellen und zu regenerieren, sodass das gesamte Ökosystem – sowohl sozial als auch ökologisch – gedeiht und an Vitalität gewinnt (z. B. «Netto-Positive-Auswirkungen»).

Sustainable Leadership ist die Brücke, die wir überqueren müssen, um von einem degenerativen (ausbeuterischen) Wirtschaften zu einem regenerativen Wirtschaften zu gelangen. Regenerative Leadership ist das Ziel, also das Ufer auf der anderen Seite der Brücke.

Ist «Regenerative Leadership» ein Führungsstil?

Die Idee in Führungsstilen zu denken, sollte auf die Liste der Axiome der Zombie-Führung aufgenommen werden. Zombie Leadership beschreibt Mythen über Führung. Sie existieren nicht weil sie empirisch fundiert sind, sondern weil sie

  1. Den Mächtigen schmeicheln
  2. Von Beratern propagiert werden, um den Mächtigen zu gefallen
  3. Von Autoren, Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern in den Medien verbreitet werden, weil sie sich darauf verstehen, den Geschmack der Menschen zu bedienen und ihnen zu sagen, was sie hören wollen.

Details zur Unwirksamkeit von Führungsstilen finden sich z. B. hier: An Inconvenient Truth: A Comprehensive Examination of the Added Value (or Lack Thereof) of Leadership Measures

Darum: Nein. Regenerative Führung ist aus unserer Sicht kein Führungsstil. Es ist ein tieferes Verständnis, was Führung ist (ein Phänomen, nicht eine Leistung einzelner), wozu es dient (die Zukunftsfähigkeit und Überlebensfähigkeit der Organisation zu sichern) und was sie leisten kann und soll (den grösseren inhaltlichen, zeitlichen und sozialen Kontext berücksichtigen).

«Regenerativ Leadership» bringt neben Effizienz wichtige Aspekte wie Resilienz, Suffizienz und Fürsorge in die Aufmerksamkeit, die so in gängigen Vorstellungen nicht oder zu wenig betont werden. Das sind (erstrebenswerte) Systemeigenschaften keine Stilfragen.

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