Warum systemische Organisationsberatung einen Unterschied macht

 In Allgemein

Letztens in der Pause eines Workshops zu Führungsentwicklung fragte mich eine Teilnehmerin: „Sag mal, arbeitet Ihr eigentlich systemisch?“ Ich merkte, wie ich innerlich die Stirn in Falten legte und hoffte, nicht nach einer „ganz leicht verständlichen Erklärung“ von „systemischer Organisationsberatung“ gefragt zu werden. Soweit kam es nicht. Doch interessant ist die Frage ja schon. Was tun wir und wie unterscheidet sich die systemische Organisationsberatung von anderen Sichtweisen in der Beratung?

Que serà, serà

Stellen Sie sich eine Kinderparty vor. Sagen wir mit 10- bis 12-jährigen. 15 Jungen und Mädchen bei schönstem Sommerwetter bei Ihnen zu Hause im Garten. Die Kinder sitzen am Tisch und kauen die letzten Stücke von Ihrem Schokoladenkuchen, als Sie einen Ball auf die Wiese rollen. Weil Bewegung nach dem Essen gut tut.

Wir haben ein Bild (eine Hypothese) davon, was als nächstes passieren wird. Doch zuverlässig vorhersagen können wir es nicht. Springen die Kinder jubelnd auf und spielen Jägerball? Oder kicken sie den Ball quer durch Nachbars frisch angelegtes Gemüsebeet? Gibt es ein gemeinsames Spiel oder Untergruppen? Gibt es Streit oder Einigkeit? Oder bleiben alle ins Gespräch vertieft sitzen?

Soziale Systeme: Autonomie, Eigendynamik und Emergenz

Eine Kinderparty ist etwas anderes als ein Team-Workshop oder eine Organisation. Doch sie haben etwas gemeinsam: Es sind soziale Systeme. Als systemisch arbeitende Beraterinnen und Berater, gehen wir davon aus, dass diese eine hohe Autonomie und Eigendynamik haben: Die Party entscheidet selber, ob und wie sie mit dem Ball spielen möchte oder nicht (Autonomie). Und auch ohne den Einwurf des Balles (Impuls von aussen) hätte sich die Party sehr wahrscheinlich bald vom Esstisch in Richtung Wiese, Trampolin oder Rasensprenger verschoben (Eigendynamik). In diesem Zusammenhang sprechen wir auch davon, dass soziale Systeme eine hohes Mass an Selbstorganisation haben.

Bei sozialen Systemen treten Merkmale und Ereignisse (Muster und Dynamiken) zu Tage, die sich nicht ausschliesslich als Ergebnisse von Eigenschaften und Handlungen von Einzelpersonen erklären lassen. Sie entstehen durch Beziehung und Wechselwirkung der Beteiligten. Wir sprechen von emergenten Phänomenen. Emergent bedeutet, Strukturen und Phänomene lassen sich zwar beobachten, jedoch nicht einfach aus den Eigenschaften der Elemente erklären oder vorhersagen. Dazu gehören zum Beispiel Themen aus den Bereichen „organisationale Energie“ und Gruppendynamik.

Als systemische Beratende erachten wir soziale Systeme als komplex. Das bedeutet, dass sie nicht-durchschaubare und nicht direktiv steuerbare Aspekte aufweisen und ebensolche Phänomene erzeugen. Falls Sie nicht wissen was ich damit meine, organisieren Sie mal einen Kindergeburtstag oder leiten Sie eine Jugendfreizeit. Sie werden feststellen, dass sie das Verhalten einer Gruppe weder vollständig durchschauen noch zuverlässig steuern können. Dies beobachten wir auch bei Organisationen. 

Was ist das System?

Genau genommen betrachten wir Kommunikationen als die Elemente eines sozialen Systems. Eine Organisation im systemischen Sinn ist also nicht ein Firmengebäude, eine Gruppe von Menschen oder eine juristische Gesellschaft, sondern eine Folge von Operationen. Eine Organisation betrachten wir als Folge von Auswahlentscheidungen: Als „Sender“ wählen wir aus verschiedenen Möglichkeiten, die wir mitteilen möchten, eine aus. Aus verschiedenen Informationen, für diese Mitteilung, wählen wir ganz bestimmte aus, die wir weitergeben. Als „Empfänger“ wählen wir wiederum aus vielen verschiedenen Möglichkeiten, diese Informationen zu verstehen, eine aus und reagieren wiederum mit neuen Kommunikationen. Weder Sender noch Empfänger bestimmen die Bedeutung der Kommunikation also alleine. 

Eine wichtige Eigenschaft von Organisationen ist, dass sie nach Stabilität streben. Das heisst, sie reproduzieren und verfestigen ihre Strukturen. Organisationen können sich über Jahre kaum verändern, obwohl Menschen hinzukommen und gehen. Faszinierend, nicht wahr?

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass die Menschen in der systemischen Sicht nicht von Bedeutung seien. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Menschen gehören zur relevanten Umgebung eines Systems. Ohne die systemrelevante Umgebung (ohne Kinder, ohne Mitarbeitende) gibt es kein System (keine Kinderparty, keine Organisation). Oder anders formuliert: System und Umgebung muss man zusammen denken

Einmal systemisch bitte!

Ist systemisch ein Qualitätsmerkmal? So allgemein lässt sich das nicht sagen. Der Beratungserfolg hängt von vielen Faktoren (beim Beratenden wie beim Kunden) ab. Die Professionalität des Beratenden spiegelt sich nicht primär in der Beratungsschule. Wesentlich sind Faktoren wie die Beratungsbeziehung, die Anschlussfähigkeit, Hintergrund und Erfahrung der Beratenden, die Fähigkeit zu hinterfragen, zu konfrontieren, neue Perspektiven zu eröffnen und die professionelle Distanz zu wahren. So kann es, unabhängig von der Beratungsschule geeignete und ungeeignete Beratungsangebote geben.

Wo systemische Beratung sinnvoll ist, zeigt vielleicht folgende Überlegung: Wenn Sie in einem Fachgebiet gut sind und dies noch weiter verbessern möchten, wenn es um Optimierung und Effizienzverbesserung des Bestehenden geht, wenn der gewünschte Zielzustand klar ist, brauchen Sie wahrscheinlich eine gute Fachberatung. Jemand, der Ihnen zum Beispiel zeigt, wie Sie in dem was sie schon gut können noch besser werden können. Etwas anderes ist es, wenn die Optimierung des Bestehenden (das heisst: mehr vom Gleichen) nicht zum Ziel führt. Wenn sich eine Person, ein Team oder eine Organisation in einem ungünstigen Zustand befindet (unwirtschaftlich, dysfunktional) und es nicht aus eigener Kraft schafft in einen (meist noch unbekannten, zu definierenden) neuen Zustand zu wechseln. Wenn es z. B. um Fragestellunge ohne offensichtliche Wirkungszusammenhänge geht (z. B. Zusammenarbeit und Co-Kreation), dann ist systemische Organisationsberatung oft hilfreich.

Damit ist auch klar, dass für diese Art der Fragestellung Rezepte, die nach dem Muster „In 5 Schritten sicher zur Lösung“ selten wirklich Veränderung bringen können. Dort, wo es so einfach ist, dort wo Lösungen offensichtlich sind, brauchen Kunden keine systemische Beratung. Gute Beratung setzt an, wo etwas für Kunden schwierig wird. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Kunden schon viel probiert haben, ohne jedoch wirklich weiterzukommen. Hier kann Veränderungsberatung mit systemischer Sicht eine andere Perspektive auf die Dinge bieten. Wenn es um komplexe Fragestellungen geht, kann systemische Organisationsberatung (oder jeder andere Form der Beratung) nicht die eine, für alle beste Lösung bieten. Sie bietet dem Kunden vielmehr ein hohes Potenzial, etwas zu entdecken, was sein Probleme hervorbringt, wie mögliche Lösungen aussehen können und was der Kunde verändern muss, um dauerhaft weiterzukommen.

 

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